19
Aug
2010
Krisenkommunikation    von: Ritz

Loveparade: Zwei Wochen Ausnahmezustand

Annette Debusmann, Leiterin Kommunikation und Marketing21 Tote, mehrere Hundert Verletzte und viele traumatisierte Teilnehmer sind die traurige Bilanz der Loveparade, die am      Samstag, den 24. Juli 2010, in Duisburg stattfand. Annette Debusmann, Leiterin der Abteilung Kommunikation und Marketing der Malteser St. Anna gGmbH in Duisburg, war nach dem Unglück Ansprechpartnerin für Journalisten und organisierte den Besuch hochrangiger Politiker in ihrem Haus. Im Interview mit kliniksprecher.de berichtet sie von ihrer Arbeit in den vergangenen Wochen.

kliniksprecher.de: Wie und wann haben Sie von dem Unglück erfahren?

Annette Debusmann: Auf der Loveparade selbst. Der Malteser Hilfsdienst hat den Sanitätsdienst koordiniert und da ich dort in der Journalistenbetreuung tätig war, wurden wir über die Einsatzleitung informiert.

War Ihr Haus im Vorfeld auf die Loveparade eingestellt?

Wir hatten uns vorher sehr intensiv mit der Loveparade beschäftigt. Von der Art der Verletzungen haben wir uns – ähnlich wie auch beim Karneval – vor allem auf Alkohol, Drogen, Stauchungen oder Prellungen eingestellt. Als die Massenpanik ausgerufen wurde und klar war, dass schwerwiegendere Verletzungen eingetreten sind, habe ich den Klinikdirektor angerufen und ihm die geänderte Situation mitgeteilt. Die Alarmierung der Krankenhäuser erfolgt automatisch – aber es war gut, dass wir uns kurz persönlich abgestimmt haben.

Welche Verletzungen hat Ihre Klinik versorgt?

100 Verletzte wurden gleich am Samstag der Loveparade bei uns eingeliefert, davon mussten 60 stationär aufgenommen werden. Die überwiegende Anzahl der Patienten hatte leichtere Verletzungen wie Verstauchungen oder Prellungen, einige aber auch schwere Bauchtraumen oder Knochenbrüche. Wichtig war, die Patienten und die Angehörigen sowohl medizinisch als auch psychologisch zu betreuen.

Beschreiben Sie bitte die Zeit nach dem Ereignis.

Noch in der Nacht von Samstag auf Sonntag schrieb ich eine Pressemitteilung, die die Klinikleitung am Sonntagvormittag freigab. Normalerweise versende ich unsere Mitteilungen nur an die regionalen Redaktionen. Plötzlich hatte sie eine ganz andere Relevanz, deshalb wählte ich einen größeren Verteiler mit den überregionalen Medien. In der ersten Woche nach dem Unglück war ich nur für die Loveparade zuständig, habe jeden Tag zehn bis zwölf Stunden Presseanfragen beantwortet und Ansprechpartner vermittelt. Aber auch intern gab es großen Kommunikationsbedarf. Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, waren schon wieder drei Anrufe in meiner Anrufliste. Wie viele Anfragen insgesamt kamen, kann ich nicht mehr sagen. Zum Glück sind wir hier im Team gut aufgestellt, so dass meine Kollegen mich aus dem eigentlichen Tagesgeschäft heraushalten konnten. Die vergangenen zwei Wochen waren wirklich Teamarbeit. Allein hätte ich das niemals geschafft.

Was waren typische Anfragen?

Es gab Fragen wie: Wie geht es den Patienten? Wie viele Verletzte sind bei Ihnen eingeliefert worden? Lässt sich jemand interviewen? Ausländische Medienvertreter riefen auch an, vor allem aus den benachbarten Niederlanden. Wir hatten aber nur Patienten aus Mexiko und Tschechien. Mit diesen Medienvertretern führte ich die Interviews dann auf Englisch.

Mussten Sie die Patienten teilweise vor aggressiven Medienvertretern schützen?

Die Journalisten haben sich sehr fair verhalten, auch die Boulevardmedien. Lediglich ein Vertreter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hat einen Loveparade-Patienten vor der Radiologie abgefangen. Das hat mich sehr geärgert – so etwas geht nicht. Wir unterstützen gern bei Presseanfragen, aber der Schutz und die Genesung unserer Patienten gehen vor. Da habe ich auch die passenden Worte gefunden.

Ihr Haus stand durch den Besuch von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder, NRW-Innenminister Ingo Jäger und dem Kanzleramtschef Ronald Pofalla besonders im Fokus. Wie kam es dazu?

Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich gehe davon aus, dass die Anfrage der Landesregierung über den Leitenden Notarzt vermittelt wurde. Sicherlich war dies eine Auszeichnung für uns. Die anderen Häuser hier in Duisburg haben aber auch hervorragende Arbeit geleistet, dort wären die Politiker bestimmt ebenso willkommen gewesen.

Was bedeutete dieser Besuch für Sie als Pressesprecherin?

Bei der Organisation hat mir zum Glück eine Kollegin geholfen. Wir erfuhren, dass die Politiker und ein Pool aus fünf Print- und TV-Journalisten mit einem Patienten sprechen möchten. In Abstimmung mit den behandelnden Ärzten haben wir einen Patienten angesprochen, der dazu bereit war.  Darüber hinaus mussten eine Reihe weiterer Maßnahmen koordiniert werden, auch Kleinigkeiten wie zum Beispiel die Flaggen vor unserem Haus auf Halbmast setzen oder Parkplätze blocken. Sicherheitshalber haben wir auch die Cafeteria für eine Pressekonferenz vorbereitet, denn draußen sah es sehr regnerisch aus. Um die Sicherheitsfragen hat sich die Polizei gekümmert. Abends haben quasi alle Nachrichtensendungen die Bilder und Interviews ausgestrahlt, dazu die Veröffentlichungen online und am nächsten Tag dann auch in den regionalen und überregionalen Zeitungen. Das hat die Aufmerksamkeit der übrigen Redaktionen nochmals stark auf uns gelenkt.

Sie wurden in den vergangenen Wochen immer wieder mit den tragischen Ereignissen konfrontiert. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen mit der Situation um?

Privat schaue ich mir keine Berichte mehr über die Loveparade an und lese nichts mehr zu dem Thema. Ich muss das jetzt erstmal alles verarbeiten – das geht in Duisburg vielen so. Als konfessionelles Haus haben wir Seelsorger, an die sich alle Mitarbeiter wenden können und auch die Vorgesetzten achten darauf, dass die Kollegen Gesprächsangebote annehmen. Was mich sehr beeindruckt hat: Sofort nach der Veranstaltung gab es hier im Haus eine große Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen. Kollegen, die eigentlich im Urlaub waren oder dienstfrei hatten, waren sofort zur Stelle, als sie von dem Unglück hörten. Das tragische Ereignis hat uns als Gemeinschaft gestärkt.

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