Save the date - 8. März 2018 - 11. Kliniksprechertag
09
Apr
2015
Gesundheitskommunikation    von: Vanessa Wiering

„Patienten wollen ein Mitspracherecht“ – Interview mit Anja Bittner von washabich.de

Seit 2011 können Patienten einen ärztlichen Befund bei dem Online-Portal washabich.de einsenden. Innerhalb weniger Tage erhalten sie ihn zurück – von Medizinstudenten in eine leicht verständliche Sprache übersetzt. An der Universität Dresden hat im vergangenen Semester nun erstmals ein Wahlkurs unter dem Motto „Was hab ich?“ stattgefunden. Die teilnehmenden Medizinstudenten bewerteten den Kurs danach als sehr hilfreich für ihre künftige Tätigkeit. Hintergründe zu dem gemeinnützigen Unternehmen und der Uni-Kooperation hat kliniksprecher.de von Geschäftsführerin Anja Bittner erfahren.

 

Die Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens  washabich.de: Anja Bittner, Ansgar Jonietz und Johannes Bittner. Bildquelle: Marcus Müller-Saran

Die Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens washabich.de: Anja Bittner, Ansgar Jonietz und Johannes Bittner. Bildquelle: Marcus Müller-Saran

Frau Bittner, aus welchen Beweggründen machen Studierende bei washabich.de mit?

Als Arzt möchte man Menschen helfen. Die Studenten merken in ihrer Ausbildung jedoch schnell: Für den Kontakt zum Patienten bleibt wenig Zeit. Deswegen entschließen sie sich, ehrenamtlich tätig zu werden. Mit der Zeit kommt dann ein weiterer Aspekt hinzu. Sie registrieren, dass sie wichtige Erfahrungen für den Umgang mit ihren Patienten sammeln. So investieren sie auch in ihre berufliche Zukunft.

Der erste Durchgang des „Was hab ich“-Wahlfachs an der Universität Dresden ist beendet. Wie ist das Konzept für die Veranstaltung entstanden?

Wir haben bisher über 1.200 Medizinstudenten ehrenamtlich beschäftigt. Damit die Qualität der Übersetzungen immer gewährleistet bleibt, haben wir früh angefangen, unsere Ehrenamtler mit einem speziell entwickelten Programm auszubilden. Für die Universität haben wir dieses Programm angepasst, damit es sich problemlos in die Lehre implementieren lässt.

Was genau passiert im Kurs?

Zunächst lernen die Studenten in einer Einführungsveranstaltung, wie man schwierige oder fachsprachliche Wörter erkennt. Im Anschluss beginnt der praktische Teil in Form eines E-Learnings: Jeder Teilnehmer bekommt einen Befund und versucht ihn zu übersetzen. Zwei Supervisoren stehen währenddessen für offene Fragen bereit. Am Ende des Semesters gibt es eine Prüfung – wenn die Universität das möchte. Vorrangiges Ziel ist es, jedem Teilnehmer grundlegende Kenntnisse für seine spätere Arzttätigkeit zu vermitteln.

Stellen Sie den Studenten ein Wörterbuch mit den Übersetzungen der Fachbegriffe zur Verfügung?

Nein. Bei „Was hab ich?“ wird nicht automatisiert übersetzt. Das wäre auch nicht möglich, da die Fachbegriffe je nach Kontext einen unterschiedlichen Sinn haben. Wir geben den Studenten lediglich das Werkzeug an die Hand, um sicher zu übersetzen. Der Kurs dient dazu, das Verständnis zu fördern – und nicht das Auswendiglernen.

Die Evaluation des Uni-Kurses ist sehr gut ausgefallen. Auf Seiten der Studenten scheint der Wunsch groß zu sein, die Arzt-Patienten-Kommunikation zu verändern. Wieso gab es bislang keine entsprechenden Angebote?

Dieses Verständnis setzt sich erst langsam an den Universitäten durch. In ersten Kommunikationskursen üben Studenten, Aufklärungsgespräche vor einer Operation zu führen. Allerdings fehlt der Schritt davor: eine grundsätzlich einfache Sprache zu vermitteln. So ist es vom ersten Semester an gang und gäbe, sich möglichst unverständlich auszudrücken und viele Fachbegriffe zu verwenden – auf beiden Seiten: Die jungen Mediziner wollen mit ihren Professoren auf Augenhöhe sprechen und den Eindruck eines umfangreichen medizinischen Wissens erwecken. Natürlich hat die Unisprache auch Vorteile: Die häufig lateinischen Begriffe einer Diagnose sind kurz und präzise. In der Praxis wird jedoch häufig vergessen, den Schalter wieder auf eine simple Sprache umzulegen.

„Was hab ich?“-Kurse sollen bald an unterschiedlichen Universitäten laufen. Können Sie bereits konkrete Pläne verraten?

Neben Dresden wird zukünftig ein Wahlkurs in Marburg stattfinden. Bundesweit sind wir mit weiteren Universitäten im Gespräch.

Laut Ihrer Website gibt es eine neue Patientengeneration, die verstehen will, woran und warum sie erkrankt ist. Woher kommt der verstärkte Mut der Patienten, genauer nachzufragen?

Die Gründe dafür sind im Zeitverlauf zu betrachten. Vor 20 Jahren haben sich Patienten während der Sprechstunde nur wenig eingebracht. Heutzutage gehen die Menschen generell bewusster mit ihrer Gesundheit um und haben verstanden, dass sie letztlich das höchste Gut ist. Wenn eine Therapie festgelegt wird, wollen viele Patienten nun vermehrt ein Mitspracherecht.

Kann eine rege Arzt-Patienten-Kommunikation den Behandlungserfolg beeinflussen?

Das kann man nicht pauschal beantworten, da der Patiententyp maßgeblich ist. Einige sind glücklich, wenn sie eine Therapie vorgeschlagen bekommen. Andere wollen mit- oder sogar allein entscheiden, was ihre Behandlung betrifft. In diesem Fall verbessert das Mitspracherecht die Therapietreue und somit den Behandlungserfolg.

Sehen Sie weitere Schwachstellen in der Arzt-Patienten-Kommunikation?

Ich denke, insbesondere der zwischenmenschliche Aspekt im späteren beruflichen Alltag wurde bisher zu wenig berücksichtigt. Auch die Arzt-Arzt-Kommunikation kann durchaus modifiziert werden. Beispielsweise ist das Schreiben eines Arztbriefes kaum Bestandteil der Ausbildung. Wäre dieser Vorgang standardisiert, wäre er wesentlich effektiver und würde an anderer Stelle Zeit einsparen.

 

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